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Zwischen Satire und Antisemitismus

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart steht seit Kurzem in der Kritik. Von Seiten der jüdischen Gemeinschaft werden ihr antisemitische Äußerungen zur Last gelegt. Dabei geht es um zwei Aspekte: wie weit dürfen Lisa Eckhart und die Satire gehen?

© Franziska Schrödinger

Lisa Eckhart ist schon längst keine Unbekannte mehr. Binnen kürzester Zeit schaffte es die Steirerin in einem Atemzug mit Österreichs bekannten Künstlern wie Alfred Dorfer, Josef Hader oder Michael Niavarani genannt zu werden. Zudem ist sie festes Mitglied im Ensemble der Satiresendung »Nuhr im Ersten« im deutschen Fernsehen. Österreich und Deutschland hat sie im Griff.

Lisa Eckhart, bei Auftritten in Versace gehüllt und mit einer Körperhaltung, die Eleganz, Grazie und Hochnäsigkeit vermittelt, wird schon so als Gesamtkunstwerk gesehen. Dazu kommt ihre Sprache: so ausformuliert und klar, aber doch nicht gleich verständlich. Sie verlangt Bildung und Niveau. Um sie zu verstehen braucht es Hegel, Kant, Fichte, Camus – alle Dichter und Denker, die diese Welt zu bieten hat. Ansonsten hört man nichts weiter als Phrasen, die eine überhebliche Künstlerin von sich gibt. Daher widerspricht man ihr nicht. Wie sollte man auch eine Diskussion mit jemanden beginnen, der mit jedem Wort verdeutlicht: ich habe mehr Ahnung als ihr, also schleicht´s euch! Eckhart erschlägt die Zuhörerschaft mit ihrem intellektuellen Niveau. Darauf etwas zu erwidern, fällt einem schwer.

Nun gibt es doch ein paar Gegenstimmen. Der Kabarettistin Lisa Eckhart wird Antisemitismus vorgeworfen. Der Antisemitismusbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Felix Klein, und die »jüdische Allgemeine« beziehen sich dabei auf einen Auftritt in der Sendung  »Mitternachtsspitzen« des öffentlich-rechtlichen Senders WDR aus dem Jahr 2018. Hier fallen solche Sätze wie: »Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um Frauen, und deshalb brauchen sie Geld.« Oder »Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen«. Das geschieht im Zuge der damaligen #Metoo-Bewegung und die Enthüllungen um Harvey Weinstein – Sohn einer jüdischen Familie. Zudem nimmt sie Bezug auf Roman Polanski und Woody Allen, auch sie haben jüdische Wurzeln. Für die Kabarettistin Anlass genug, um anfangs Juden im Filmgeschäft und #Metoo zu verbinden. Die Frage ist nun, wenn man Lisa Eckhart kennt, war das zu viel? Und wenn man sie nicht kennt, darf das Satire?

WDR nimmt Eckhart in Schutz

Dieser Fall hat mehrere Seiten, allen voran Lisa Eckhart. Wer schon einmal in einem ihrer Programme war, stellt sehr schnell fest, dass sie einen sehr speziellen Impetus, also Antrieb, hat. Sie bedient sich einem derben und morbiden Sarkasmus. Sie wehrt sich gegen die »political corretness«, sie widersetzt sich einem großen »Miteinander« und den Heucheleien von »wir sind doch alle gleich«. Wieso? Weil aus ihrer Sicht noch lange nicht die Rede von großer Modernität sein kann und weil sich unterm Strich noch nichts geändert hat. Ausgrenzung und Diskriminierung stehen noch immer an der Tagesordnung; nur eben verdeckt und im neuen Gewand der  vermeintlichen »political corretness«. Insofern bedient sie sich einer harten und direkten Sprache. Mit zumeist eindrucksvoll-abstoßenden Metaphern, dass das Lachen im Hals stecken bleibt. Da soll man zunächst auch nicht widersprechen. Das soll man hören. Und schließlich darüber nachdenken. Dieses Gesagte soll wirken.

Diese Begründung führte auch der WDR an. Frau Eckhart bediene sich der Vorurteile, um auf sie aufmerksam zu machen und so ein Umdenken hervorzurufen. Freilich, für sich alleine ist das ein Argument auf recht schwachem Fuß. Zudem betont der WDR, dass dieser Beitrag im Rahmen der Erstveröffentlichung 2018 funktioniert habe. Im Nachhinein und ohne Kontextualisierung gibt es die aktuellen Streitigkeiten. Und ja, natürlich ist es für eine differenzierte Meinung wichtig, diesen Auftritt in Gänze und unter den Umständen von vor zwei Jahren zu betrachten.

Satire muss an die Grenzen gehen dürfen

Bleibt aber noch immer die Satire. Was sie darf, das wurde schon häufig diskutiert. Das letzte »Ziegen-Gate« von Jan Böhmermann ist sicherlich in guter Erinnerung geblieben. Satire als Kunstform darf viel. Und das ist auch gut so. Das sind auch keine Scheingründe. Die Satirefreiheit ist ein hohes Gut und wichtiger Bestandteil einer kulturellen Vielfalt. Gerade die Satire muss an die Grenzen gehen dürfen, wenn es tatsächlich darum gehen soll, auf lange Sicht ein Umdenken zu bewirken oder auf Probleme in unserer Gesellschaft hinzuweisen. In diesem Sinne muss sich, wird sich und hat sich die Satire auch einer drastischeren Sprache zu bedienen – wenn es notwendig ist. Die Wirkung wäre verfehlt, sollte sich Satire möglichst sozialverträglich und »political corret« ausdrücken müssen. Diese Kunstform muss und will auch gar nicht gefallen. Sie soll zunächst gehört werden. Sie muss wirken. Und im Fall Eckharts kann man sagen: sie wirkt.

Sie wirkt, wenn wir uns Gedanken darüber machen, ob diese Aussagen antisemitisch sind. Sie wirkt, wenn wir uns dadurch Gedanken machen, wo wir als Gesellschaft stehen. Wie wir diese Aussagen bewerten, wie wir sie individuell auffassen und was wir daraus mitnehmen. Sie wirkt, wenn wir darüber nachdenken, wie wir gesellschaftliche Gruppen ansehen und uns die Frage stellen, ob wir sie überhaupt akzeptieren. Eine politisch korrekte Satire würde ihre Wirkung verfehlen. Wenngleich sie Gefahr läuft, Altes überhaupt wieder hervorzuholen. Genau wie bei dem hier vorliegenden Fall.

Ressentiments werden hervorgeholt und gefestigt

Es bleiben die Vorurteile und Klischees, die diesen Auftritt bestimmen. Immer wieder bezieht sich Eckhart auf »die Juden«, obwohl sie von Weinstein, Allen und Polanski spricht. Sie generalisiert. Und wäre das nicht genug, bringt sie diese Ethnizität fast schon selbstverständlich mit sexuellem Missbrauch zusammen. Alles wird in einem Topf geworfen und kräftig gerührt. Nur kann man dabei nicht davon ausgehen, dass sich alte Ressentiments auflösen. Sie werden einmal mehr hervorgeholt und in den Diskurs gebracht. Und die Gefahr, dass sie sich setzen, ist groß. Zudem bedient sich die Künstlerin der untertesten Schublade solcher Vorurteile. Lachen ist hier Fehlanzeige. Es regiert die Fassungslosigkeit. Und ja, man muss ehrlich fragen, ob das wirklich nötig war.

Bei dem Fall Lisa Eckhart treffen sich zwei Welten. Eine von vornherein provokante, freie und politisch unkorrekte Künstlerin trifft auf eine ebenso frei-unkorrekte Kunstform. Zu entscheiden, was nun wie gemeint war, wird ein schwieriges Unterfangen. Pauschal wird das nicht gelingen. Es kann sicherlich keine Lösung sein, das Video des brisanten Auftritts Lisa Eckhart zu löschen. Jedem*r muss es zugänglich gemacht werden, damit man sich seine eigene Meinung bilden kann. Das, was aber schon in Vergangenheit oft der Fall war, könnte auch hier einen Mittelweg darstellen. Ohne in weitere Rechtfertigungen abzuschweifen bleibt der Satire und jedem*r Satiriker*in das Mittel der Verzeihung. Darum kann man immer ersuchen, wenn es angebracht ist.

Quellen:

Engel, Philipp Peyman (2020): »Judenhass unter dem Deckmantel der Satire«. Online unter: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/judenhass-im-deckmantel-der-satire/

Frankfurter Allgemeine (2020): „Geschmacklos und kritikwürdig“. Online unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/antisemitismusvorwurf-gegen-kabarettistin-lisa-eckhart-16755654.html

Gasteiger, Carolin (2019): Jan Böhmermann zieht vor Bundesgerichtshof. Online unter: https://www.sueddeutsche.de/medien/erdogan-schmaehgedicht-jan-boehmermann-zieht-vor-bundesgerichtshof-1.4299639

Weiss, Stefan (2020): Kritik an Kabarettistin Lisa Eckhart: Judenwitz und N-Wort-Schmäh. Online unter: https://www.derstandard.de/story/2000117376970/kritik-an-kabarettistin-lisa-eckhart-judenwitz-und-n-wort-schmaeh

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