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Verlassen und verloren im Land der Bürokraten

Kaum ein Spruch beschreibt den deutschen Umgang mit Problemen besser als »Jeder hat sein Päckchen zu tragen«. Wir zeigen dadurch, dass wir, um das Leben mit allen Problemen, Herausforderungen und Fehlentscheidungen erfassen zu können, erst eine Metapher brauchen. Das ist mal zu Anfang nicht schlecht. Wir strukturieren und halten Abstand. Wir versuchen, mit diesem Spruch ganz nüchtern mitzuteilen, dass wir über die Existenz von Problemen bei unseren Mitbürgern Bescheid wissen. Gleichzeitig sagen wir damit, dass wir aber nicht wissen, was in dem Paket drinnen ist. Wir haben keine Vorstellung davon, welche Last sie mit sich herumtragen. Obwohl ich die Metapher auf sehr vielen Ebenen durchdacht und clever finde, habe ich seit einigen Tagen Probleme mit diesem Spruch. Denn ich musste feststellen, dass manchmal Briefumschläge schwerer sein müssen als jedes Paket, das man mit sich herumschleppen kann. (Ja, das bezeichnet man als Wortklauberei.)

Kürzlich hatte ich einen solchen Brief in der Hand. Adressiert an einen Menschen, der mir im Laufe der letzten Wochen ans Herz gewachsen ist. Ein 28 jähriger Syrer mit einer Vergangenheit, die ebenso ausgelutscht wie herzzerreißend ist. Ausgelutscht, weil eben diese Geschichte tausendfach auf den Seiten der »linksliberalen Lügenpresse« zu finden war und die Leser ein gewisses Sättigungslevel diesbezüglich erreicht haben. Herzzerreißend deshalb, weil es einerseits traurig ist, dass wir diesbezüglich überhaupt ein Sättigungslevel besitzen und gleichzeitig, weil es nichts an der Tatsache ändert, dass es wirklich passiert.

Wir waren gerade auf dem Weg zum See, als ich ihn auf das ansprach, was gerade in seiner Heimat passiert und er mir von seinem Leben in Damaskus und einer verrückten Odyssee erzählte. Nüchtern berichtete er von geliebten Menschen, die die Bombenangriffe nicht überlebt haben, von seiner zerstörten Wohnung, seinem zwangsgeräumten Elternhaus, das Studium, das er abbrechen musste und von einer gefährlichen Flucht über das Mittelmeer zusammen mit hunderten anderen Flüchtlingen. Aber genug von den ausgelutschten Geschichten.

Seit nunmehr drei Wochen versuche ich Ahmad dabei zu helfen, meine Sprache zu lernen. Denn bislang waren seine einzigen Sprachlehrer ein deutsch-arabisch-Wörterbuch und Youtube. Als ich ihn kennenlernte, blätterte er gerade in seinem Buch herum und mir fiel das Wort Kartuschenpistole ins Auge. Schlagartig drängten sich mir zwei Fragen auf: 1. Ist das wirklich ein Wort mit Priorität? Würde ich, wenn ich 200 Seiten Platz hätte für die wichtigsten Wörter meiner Sprache, das Wort Kartuschenpistole in den Wortschatz mitaufnehmen? (An dieser Stelle sei gesagt, mein Schreibprogramm hat das Wort offensichtlich nicht in petto … ebensowenig wie das Wort petto). 2. Kartuschenpistole ist ein Wort, das für einen Ausländer bestimmt nicht leicht zu lernen ist. Würde ich das Wort lernen, hätte ich vermutlich mit dem Teil Pistole keine Probleme. Kartusche hingegen müsste ich mehrere Male wiederholen, um es richtig aussprechen zu können. Herauskommt also ein Syrer, der in einem vollbesetzten Zug sitzt und irgendetwas mit Pistole vor sich hin brabbelt. Möglicherweise bin ich ja paranoid, aber angesichts der jüngsten Ereignisse (es war nur wenige Tage nach den Anschlägen in Würzburg und Ansbach und dem Amoklauf in München) hielt ich das für keine gute Idee.

Erst vor wenigen Tagen erhielt Ahamad die Zusage, dass er ab Herbst diesen Jahres an einem Integrationskurs teilnehmen dürfe. Neun Monate nach Ankunft in diesem Land (Ein Hinweis auf ein völlig überfordertes BAMF – Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Aufgeregt und glücklich teilte er mir von dem Schreiben mit. Die Ernüchterung folgte durch die bürokratischen Herausforderungen, die so ein Schreiben mit sich bringt.

Ich bin froh, in Deutschland aufgewachsen zu sein und immer, wenn ich gejammert oder das Land kritisiert habe, in dem ich wohne, tat ich das in dem Wissen, dass ich stets auf sehr hohem Niveau jammere. Auch wenn man manchmal denken könnte, ich sei ein undankbarer Klugscheißer, der die Vorzüge dieses Landes nicht zu schätzen weiß. Ich tu es wohl. Das musste gesagt werden, bevor ich die Geschichte weitererzähle.

Vor nicht allzu langer Zeit schrieb mir Ahmad, dass er sehr frustriert sei. Er erklärte mir, dass er quasi beim Jobcenter vor die Tür gesetzt wurde, weil sein Deutsch nicht ausreiche, um mit den Mitarbeitern der Einrichtung zu kooperieren. Auch die Kommunikation über einen englischen Dolmetscher lehnten die Angestellten ab. »Er solle wiederkommen, wenn er einen Dolmetscher aufgetrieben habe, der fähig wäre, zwischen ihnen so gut zu vermitteln, dass eine reibungslose Zusammenarbeit in der deutschen Landessprache ermöglicht werden könnte.« So in etwa lässt sich die Begründung für den etwas forschen Rausschmiss umreißen. Die Fragen, die an diesem Punkt entstehen könnten, lasse ich jetzt mal unbeschrieben.

Als wir einen Übersetzer auftreiben konnten – ein 18 jähriger Syrer – gab es keine Probleme mehr. Man brauchte also nur einen gut integrierten Syrer, um einen anderen Syrer integrieren zu können. Eine halbe Stunde verschwanden die beiden mit einer freundlichen Frau in einem Zimmer und als sie wieder herauskamen, hielt Ahmad einen Umschlag in der Hand und sagte, dass alles gut sei. Der Umschlag enthielt Formulare und Anweisungen, was als nächstes auf ihn zukommen werde. Verfasst in dem typischen Bürokratendeutsch, das ich nur allzu gut kannte und liebte. Die Ikea-Regal-Anleitung der deutschen Behörden.

Als ich ihn sah mit seinem Brief in der Hand, dachte ich mir nur, dass der Brief schwerer sein musste als jedes Paket, das ich derzeit mit mir herumschleppe. Obwohl der Brief für Ahmad bedeutet, dass es weiter geht, dass er in die Zukunft blicken kann und sich gerade wieder eine Tür für ihn öffnete, stellte ich mir die Frage, was einem alles widerfahren sein muss, um sich über so einen Umschlag freuen zu können. »Jeder hat sein Päckchen zu tragen«, geschweige denn von den Briefen, die manch einem noch oben drauf gelegt werden. Da muss ich für mich wirklich sagen: lieber Paketbote als Briefträger.

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