Wer beantwortet die Fragen der heutigen Zeit?

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Wir alle dürften uns darüber im Klaren sein, dass sich unsere Gesellschaft durch vielfältige Entwicklungen künftig mit einer enormen Anzahl an Herausforderungen auseinandersetzen muss – tiefgreifende Umwälzungen stehen bevor: Von ökonomischen Veränderungen – bedingt durch die zunehmende Ungleichverteilung von Reichtum oder die bevorstehende Automatisierung über ökologische Entwicklungen und dem Klimawandel – bishin zum steigenden Misstrauen gegenüber der Politik und dem demokratischen Gefüge selbst.

Für alle diese Entwicklungen wird die Politik in die Pflicht genommen. Allerdings beschränkt sich diese, auch aufgrund des Medienwandels, zunehmend auf Symbolpolitik bzw. auf Symptombekämpfung. Es werden keine Antworten für die grundlegenden Fragen unserer Zeit gesucht. Politiker bemühen sich zwar, den BürgerInnen rasch Lösungen für Probleme bieten zu können, doch ist gerade dieses rasante Vorgehen, welches durch die heutige Zeit fast als Selbstverständnis vorausgesetzt wird, bedenklich. Insbesondere bei wichtigen Entscheidungen sollte innegehalten, nachgedacht und keine Schnellschüsse produziert werden. Im Ratifizierungsprozess von Gesetzen gibt es glücklicherweise Mechanismen, die allzu schnelle Veränderungen – dem so genannten ‚Durchpeitschen‘ – entgegenwirken. Man denke an die Regularitäten (z.B. in Österreich), bis ein Gesetz von der Einbringung im Nationalrat, im Bundesrat und schlussendlich zur Ratifizierung hinter sich bringt (vgl. Parlament.gv 2017: o.S.). Natürlich kann man argumentieren, dass dringende Probleme – Naturkatastrophen, Flüchtlingswellen etc. – schnelle Lösungen bedürfen. Hierfür gibt es in Österreich sogenannte Verordnungen, welche jeweils ein halbes Jahr Gültigkeit haben. Doch gerade in diesen Tagen erleben wir, dass in Österreich durch den Druck der bevorstehenden Wahl fundamentale Werte unserer Gesellschaft verletzt werden – durch das neue Sicherheitspaket. Von Experten kritisiert und als verfassungsrechtlich bedenklich eingestuft, wird versucht, dieses um jeden Preis und trotz der vorhandenen Regularitäten umzusetzen (vgl. DerStandard 2017: o.S.; Kleine Zeitung 2017: o.S.). Gerade bei dieser Art von Gesetzen, die in die Grundrechte der BürgerInnen eingreifen, ist Sorgfalt und Besonnenheit gefragt – die Verabschiedung darf und sollte insofern genug Zeit in Anspruch nehmen.

Doch kommen wir zurück zur Lösung von den eingangs erwähnten anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen, welche besser früher als später angegangen werden sollten. Politiker sind gewählt, um diese Lösungen zu erarbeiten. Doch fairerweise muss an dieser Stelle zugegeben werden, dass unseren gewählten Repräsentanten durch volle Terminkalender so gut wie keine Zeit bleibt, um über zukünftige Entwicklungen und Veränderungen wirklich nachzudenken. Das Tagesgeschäft steht im Vordergrund. Kreative, sinnvolle und nachhaltige Lösungen für die Fragen unserer Zeit bleiben außen vor. Doch wer wenn nicht die Politik muss sich mit diesen Veränderungen auseinandersetzen?

Seit vielen Jahren existieren Institutionen, die sich der Staat mit einem enormen finanziellen Aufwand leistet. Institutionen, die aus genau diesem Grund geschaffen wurden: Universitäten. Universitäten sollen durch die Erzeugung von Wissen einen Mehrwert für die Gesellschaft erbringen. Doch ich persönlich bin skeptisch, ob diese Aufgabe noch in diesem Ausmaß erfüllt wird. Zu sehr konzentrieren sich WissenschaftlerInnen auf die Publikation von (zumeist empirischen) Studien, welche zwar interessant sind, aber meines Erachtens wenig wirklichen Mehrwert für die Gesellschaft erbringen. Nutzungsgewohnheiten, Verhaltensweisen und Entwicklungen sind spannend, keine Frage. Doch welchen Nutzen haben diese Informationen wirklich? Es entstehen Publikationen, die – harsch ausgedrückt – nur von wenigen involvierten Menschen gelesen werden und von denen letztendlich wenige Zahlen übrig bleiben. Der oder die gewöhnliche BürgerIn kann in den wenigsten Fällen mit der vorherrschenden wissenschaftlichen Sprache etwas anfangen, geschweige denn die Ergebnisse für das eigene Leben nützen.

Doch woher kommt diese Entwicklung hin zum ständig steigenden (empirischen) Publikationsdruck? Erstens unterliegen auch Universitäten – wie alle anderen Organisationen in unseren westlichen Gesellschaft – dem Wachstumsphänomen. Damit sich eine Universität auf dem internationalen Parkett mit anderen Universitäten messen kann – und das müssen sie, um finanzielle Mittel für den weiteren Fortbestand lukrieren zu können – ist es nötig, Publikationen zu veröffentlichen. Und zwar immer mehr. Die Folge davon ist eine Unmenge an Veröffentlichungen, welche man aufgrund der schieren Anzahl nicht mehr im Stande ist zu lesen. Zweitens wirkt die Entwicklung der fortschreitenden Quantifizierung, welche u.a. durch die Digitalisierung eingeläutet wurde, auch auf den Forschungsalltag ein. Jeder Mensch, jeder Vorgang, jede Entwicklung wird heute durch Computerprogramme, Algorithmen und Apps quantifiziert. Man denke an Stichwörter wie Big Data oder Quantified Self. So geht auch der Trend in den (Sozial-)Wissenschaften weg vom qualitativen hin zum quantitativen Paradigma. Drittens leistet auch die Politik ihren Beitrag für diese Entwicklung. Politiker brauchen Zahlen, um ihre Aussagen zu untermauern und sich so Argumente zu schaffen – und klopfen dafür bei den Universitäten an.

Tausende Menschen lehren und studieren gesellschaftswissenschaftliche Fächer, allen voran Soziologie, Philosophie, Politik- oder Kommunikationswissenschaft. Und trotzdem konzentriert man sich nicht auf wesentliche Probleme unserer heutigen Zeit. Studierende und Professoren muss von der Politik Raum und Zeit eingeräumt werden, um vom Publikationsdruck und vor allem von empirischer und quantifizierbaren Studien Abstand nehmen zu können. Sie müssen sich auf das Grundlegende konzentrieren: das Nachdenken. Das Finden von Lösungswegen und Ideen, die unsere Gesellschaft wirklich bereichern und nachhaltige Antworten auf anstehende Probleme geben. Leider kommt das kreativen Denken an der Universität zu kurz. Utopien, Impulse, wie wir zukünftig unser Zusammenleben in der Gesellschaft gestalten könnten und sollten – entstehen nur bedingt. Empirische Studien erzeugen keine Utopie. Sie lesen ‚lediglich‘ Entwicklungen über einen gewissen Zeitraum ab. Zwar können Schlussfolgerungen gezogen werden, wie sich gewisse Entwicklungen in Zukunft manifestieren. Allerdings ist die Quantifizierung nicht das Leben oder die Gesellschaft selbst. Oder wie Richard David Precht es ausdrückt: »Wir neigen heute dazu, die messbare Seite der Welt für die Welt zu halten und die messbare Seite des Menschen für den Menschen.« (Precht 2017: o.S). Doch ist die messbare Welt die Welt selbst?

Hierbei handelt es sich um einen Kommentar bzw. um einen Meinungsartikel des Autors.

Bildquelle: 

© Patrick Daxenbichler / Nikolai Janakiev

Quellen:

DerStandard (2017): Sicherheitspaket: Kritik an Plänen für umfassende Überwachung. Online unter: http://www.derstandard.at/2000061095917/Sicherheitspaket-Kritik-an-Plaenen-fuer-umfassende-Ueberwachung (15.08.2017).

Kleine Zeitung (2017): So kommt das Sicherheitspaket noch vor der Wahl. Online unter: http://www.kleinezeitung.at/politik/innenpolitik/5240432/Ueberwachung_So-kommt-das-Sicherheitspaket-noch-vor-der-Wahl (16.08.2017).

Precht, Richard (2017): Gespräch mit Richard David Precht, Peter Rabl, Rotraud A Perner und Julia Herr. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=IIVZn9lks7U&index=10&list=PLALb7zFULRzFU2LI1VCSwTgII1PYgd8nQ&t=939s (16.08.2017).

Repubilik Österreich Parlament (2017): Der Weg eines Bundesgesetztes. Online unter: https://www.parlament.gv.at/ZUSD/PDF/Weg_der_Bundesgesetzgebung.pdf (15.08.2017).

 

Patrick Daxenbichler

Autor: Patrick Daxenbichler

Medienkritischer Blogger, u.a. bei TheOpinion. Student der Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg. Selbstständiger Unternehmer. Fan und Unterstützer der neuen Medien. Politisch liberal und aufgeschlossen.

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