Wachstum um jeden Preis? Kein Konzept für die Zukunft. Teil 2

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Teil 2: Aus der Betrachtungsweise der Soziologie

>>Es gibt kein richtiges Leben im falschen.<< Theodor W. Adorno, Soziologe, Philosoph.

Die Ausführungen des ersten Teils ‚Wachstum um jeden Preis? Kein Konzept für die Zukunft.‘ haben sich auf ökonomischen und ökologischen Auswirkungen des stetigen Wachstums bezogen. Der zweite Teil der Beitragsreihe beschäftigt sich nun mit den Auswirkungen auf den Menschen. Macht ständiges Wachstum und die darauf beruhende Konsumgesellschaft glücklich?

Wohlstand für jeden

Das letzten Jahrzehnt (2000-2010) war das erste, indem breiter Wohlstand auch die Mittelschicht der Bevölkerung erreicht hat. Es ist das Zeitalter von Amazon, Ryanair und Ikea. Nahezu jeder in der westlichen Welt kann sich alles leisten, ob Hightech-Geräte, Möbel oder Flugreisen in ferne Destinationen. Doch werden wir Menschen tatsächlich glücklicher von der Möglichkeit alles zu kaufen und so, wie es Hartmut Rosa nennt, „die Welt in Reichweite“ zu bringen? Die Antwort lautet nein.

Die Veränderung der Arbeitswelt

Hartmut Rosa beschreibt das ‚in-Beziehung-treten‘ mit Dingen oder Personen als „Resonanz“. Er leitet den Begriff aus der Physik ab, in der es ein akustisches Phänomen, das „Mitschwingen eines Körpers mit dem Anderen“ (Duden 2017: o.S.) beschreibt. Im Kontext der Soziologie versteht er mit Resonanz eine (ungewollte und spontane) Beziehung zu einem Menschen oder einem Gegenstand. Und natürlich kann auch zur eigenen Arbeit Resonanz aufgebaut werden. Ein Bäcker geht in Resonanz mit dem Teig, den er knetet, die Journalistin mit dem Text, den sie schreibt. Doch wie wirkt sich das ständige Wachstum und dadurch hervorgerufene Beschleunigung auf das ‚in-Beziehung-treten‘, also auf die Resonanz aus? Heute kneten die wenigsten Bäcker den Teig noch selbst – sie bedienen lediglich Maschinen und Computer, die die Arbeit für sie verrichten. Und auch die Journalistin hat nicht mehr genug Zeit, den geplanten Artikel wie gewollt und in entsprechender Qualität fertig zu stellen, da die nächsten Aufgaben bereits auf sie warten. So verlieren die Menschen Stück für Stück die Resonanz zu ihrer Arbeit, die sie eigentlich geschätzt und vielleicht sogar geliebt haben. Durch den ständigen Steigerungszwang, jedes Jahr schneller und besser – also effektiver – zu werden, ist diese Entwicklung in nahezu allen Branchen spürbar geworden.

Weg vom Abgrund. Mit Psychopharmaka?

Die Anzahl der verschriebenen Psychopharmaka in Deutschland hat sich in eben jenem Jahrzehnt der Blüte der Konsumgesellschaft in der Mittelschicht um 100% gesteigert. Dadurch, dass Menschen – in welchen Beruf auch immer – jedes Jahr mehr und noch mehr leisten müssen, verlieren sie die Freude an der Arbeit. Die Folge sind Erfolgsdruck und Stress. Um die Arbeit in entsprechender Qualität auszuführen und dem Leistungsdruck zu trotzen, verschreiben Ärzte Medikamente. Die Menschen möchten arbeiten und ihre Arbeit auch gut machen. Doch haben sie das Gefühl, ihre Arbeit nicht mehr angemessen erfüllen zu können. Durch Technologie und durch Zeitdruck wird die Resonanzerfahrung der Arbeit zerstört.

Seit den Nachkriegsjahren sind sämtliche Generationen damit aufgewachsen, dass es ihren Kindern ökonomisch und sozial besser gehen werde als ihnen. Dieser Wunschgedanke hat sich gewandelt. Heute zieht die erste Generation an Eltern Kinder groß, die nicht mehr daran glaubt, dass es ihren Nachkommen in Zukunft besser gehen wird. Um es plakativ auszudrücken: wir besteigen den Berg nicht mehr – sondern wir laufen vom Abgrund weg.

Zeit für Konsum?

Ein ähnliches Phänomen des Zeitdrucks erleben wir im Privaten. Wir kaufen Dinge, um Resonanz zu erfahren. Doch kaufen ist nicht gleich konsumieren. Um Resonanz zu Musik oder einem Buch aufzubauen, müssen wir es konsumieren – das benötigt Zeit. Zeit die wir nicht haben. Generell ist die Zeit die einzige Konstante im Leben, die nicht verändert werden kann. Daher kaufen wir immer mehr Dinge, nur um sie zu besitzen und um so die Welt „in Reichweite“ zu bringen. Darüber hinaus sehen wir uns in unserer Multioptionsgesellschaft so vielen verschiedenen Möglichkeiten gegenüber, aus denen wir wählen können, dass dies im Endeffekt nicht zur Freude sondern zur Leere führt – zur Entfremdung. Rosa bezeichnet Entfremdung als Gegenteil der Resonanz. Entfremdung ist der Zustand, indem ein Mensch nicht weiß, wieso er eigentlich existiert. Er fühlt sich leer, er nimmt nur noch Stille wahr – das Gefühl, wie es viele Burnout-Patienten beschreiben.

Lösungen aus der Entfremdung

Rosa postuliert, dass die in einem Leben entstandenen Resonanzachsen gestärkt werden sollen. Eine Resonanzachse stellt beispielsweise die Arbeit dar. Aber eben nur jene Arbeit, die ein Mensch auch gerne ausführt. Wie kann diese Resonanzachse nun gestärkt werden? Eine politische Lösung, um diese Konstante zu verfestigen und der aus der Wachstumsgesellschaft entstandenen Entfremdung entgegenzuwirken, ist ein bedingungsloses Grundeinkommen. Mit diesem Grundeinkommen ist ein Mensch nicht auf eine Arbeit angewiesen, die er nicht (mehr) gerne macht. Der Faktor der Angst des Arbeitsplatzverlustes, welcher über jedem berufstätigen Menschen schwebt, wird eliminiert. Jobsuchende können jene Arbeit verrichten, die sie gerne machen – und so wieder Resonanz und Freude entwickeln.

Argumente wie jene, dass Menschen bei einem Grundeinkommen nicht mehr arbeiten würden, können folgendermaßen entkräftet werden: Ein Grundeinkommen deckt bekanntlich nur die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens. Alles andere – technische Geräte, Flugreisen, ein Auto,  etc. wird durch dieses nicht leistbar gemacht. Nur wenige Menschen werden auf den gewohnten Standard unserer heutigen Lebenswelt verzichten wollen. Darüber hinaus würde ein Grundeinkommen laut Rosa die Art des „In der Welt Seins“ ändern. Heutige Langzeitarbeitslose werden sozial diskriminiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Haben allerdings alle die gleiche Chance auf ein Grundeinkommen, könnte es durchaus sein, dass diese sozialen Milieus nicht mehr ausgegrenzt werden.

Das Bedingungslose Grundeinkommen ist allerdings nur einer von vielen Bausteinen. Weitere Lösungen wie Suffizienz, Arbeitszeitverkürzung und Share-Economy wurden bereits im ökonomischen Teil 1 der Beitragsreihe genannt und näher ausgeführt.

Ausblick

Der Kapitalismus und die damit einhergehende Steigerungslogik hat uns Menschen Wohlstand und ein Übermaß an Möglichkeiten geschaffen. Doch wann ist es genug? Wenn die ökologischen Folgen nicht mehr absehbar sind? Wenn wir Menschen bereits zu verschreibungspflichtigen Drogen greifen müssen, um effizient zu sein und glücklich zu bleiben? Etwas an unserem heutigem gesellschaftlichen System läuft falsch. Es liegt an uns, diese Missstände zu ändern.

Wir stehen vor der Wahl: Wollen wir die Veränderungen jetzt langsam und beständig umzusetzen? Oder machen wir wie gewohnt weiter und werden in nicht allzu naher Zukunft, plötzlich und unerwartet, dazu gezwungen uns und unseren Lebensstil zu ändern?

Bildquelle

Feierabend / Ⓒ 2017 Patrick Daxenbichler

Quellen

Die Informationen für diesen Artikel stammen nicht aus einschlägiger Fachliteratur und wurden deshalb auch nicht dementsprechend zitiert. Als Grundlage dienen diverse Vorträge des Soziologen Hartmut Rosa.

Duden (2017): Resonanz. Online unter: http://www.duden.de/rechtschreibung/Resonanz (13.02.2017).

Hartmut Rosa, Soziologie und Sozialphilosoph. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=xGDF5p24ru4&t=31s (13.02.2017).

Richard David Precht im Gespräch mit Prof. Dr. Hartmut Rosa HQ. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=ni_-x587b6c (13.02.2017)

Prof. Dr. Hartmut Rosa – Achtsamkeit und Selbstbezogenheit, 27.10.2016. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=JEBh3lm_8dc (13.02.2017).

Das philosophische Radio mit Hartmut Rosa – Entschleinigend? – Resonanz (2016). Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=jAPwIYFaORg&t=1160s (14.02.2017).

Patrick Daxenbichler

Autor: Patrick Daxenbichler

Medienkritischer Blogger, u.a. bei TheOpinion. Student der Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg. Selbstständiger Unternehmer. Fan und Unterstützer der neuen Medien. Politisch liberal und aufgeschlossen.

Ein Gedanke zu „Wachstum um jeden Preis? Kein Konzept für die Zukunft. Teil 2“

  1. Habe mir auch schon häufiger die Frage gestellt, ob es eine alternative
    zu unserem aktuellen Wirtschaftssystem gibt.

    Eins ist für mich jedenfalls sicher: Der Kapitalismus in der jetzigen Form (Wachstum über alles)
    war immens wichtig um in der Nachkriegszeit wieder alles aufzubauen und mehr Wohlstand und Lebensqualität zu generieren.

    Es ist also nicht immer alles schlecht am Kapitalismus =),

    Ich denke aber auch, dass wir in absehbarer Zeit ein paar Gänge zurückschalten müssen, wenn wir nicht selbst am System zugrunde gehen wollen (Stichwort Burnout).

    Wahrscheinlich kann man den Kapitalismus aber als System auf jeden Fall aufrechterhalten, wenn wir Dinge wie das Grundeinkommen einführen.

    Dadurch nehmen wir den Druck von dem Individuum, dass sich dann möglicherweise besser entfalten und auch der Gesellschaft mehr nutzen kann.

    Man muss es wahrscheinlich einfach ausprobieren. Alles andere sind bisher nur Vermutungen .

    Jedenfalls danke für den ausführlichen Beitrag

    Viele Grüße !

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