Wachstum um jeden Preis? Kein Konzept für die Zukunft. Teil 1

Wachstum um jeden Preis? Kein Konzept für die Zukunft. Teil 1

Teil 1: Aus der Betrachtungsweise der Ökonomie

>>Wer an die Möglichkeit eines ständigen Wirtschaftswachstums glaubt, ist entweder ein Narr oder ein Ökonom.<< Manfred Max-Neef, Ökonom.

Immer wieder bekommen wird es uns eingetrichtert, ob von Politikern oder Ökonomen, in einem gar Mantra-ähnlichem Vortrag: Wachstum bringt Arbeit. Wachstum bringt Wohlstand. Wachstum ist gut für uns, unsere Familie und unsere Nachkommen!
Doch wie gut tut uns ständiges und stetiges Wachstum wirklich und wollen bzw. können wir es überhaupt um jeden Preis erhalten?

Gesellschaften in der Moderne können ihren Wohlstand nur durch Wachstum erhalten. Es ist das alternativlose Rezept, welches die Grundlage eines jeden Ökonomen ist. Eingangs möchte ich ein kleines Rechenbeispiel geben, um das Wachstum einer Wirtschaft heruntergebrochen auf der Mikroebene eines Menschen zu erklären: Wir gehen davon aus, dass ein Tischler pro Woche einen Stuhl fertigen kann. Ist dieser Tischler mit dem selben Wachstum konfrontiert wie eine Volkswirtschaft – ca. 2,5% pro Jahr – würde er nach 100 Jahren (natürlich wäre es ein anderer Tischler) 10 Stühle pro Woche fertigen müssen. Nach 300 Jahren 1000 Stühle – die Steigerung ist exponentiell. Bereits hier wird klar, dass eine ständige exponentielle Steigerung irgendwann an ihre Grenzen stoßen wird, trotz Technologie, Roboterisierung oder anderer Optimierungsversuche.

Ressourcen sind endlich

Darüber hinaus dürfte uns allen auch klar sein, dass die Ressourcen unseres Planeten begrenzt sind. Irgendwann, in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft, können wir keine Produkte mehr aus Rohöl fertigen, haben wir keine seltenen Erden mehr um Halbleiter, Computerchips und Akkus herzustellen und keine Kohle mehr, um Energie zu erzeugen. Ressourcen sind endlich, nicht unendlich. Niko Paech, Produktionsökonom und Schaffer des Konzepts der ‚Postwachstumsökonomie‘, postuliert, dass jeder Mensch unserer kleinen Welt pro Jahr ein Kontingent von 2,7 Tonnen CO2 hat, das er oder sie verbrauchen darf. Der Durschnitts-Deutsche verbraucht allerdings 11 Tonnen pro Jahr und hierbei handelt es sich noch dazu um eine geschönte Zahl. Unternimmt man eine Flugreise nach New York, müsste man über dem Atlantik aussteigen, da bereits das Jahreskontingent verbraucht ist.

Diese Ausführungen sollen deutlich machen, was Wachstum eigentlich bedeutet und wie wir derzeit mit unseren Ressourcen und der Umwelt umgehen. Mir ist klar, dass viele LeserInnen diese Ausführungen nicht hören wollen. Doch macht es Sinn, die Augen vor der Realität zu verschließen? Entweder wir steigen freiwillig aus dem sich immer schneller drehenden neoliberalem Kapitalismus aus – oder wir werden über kurz oder lang dazu gezwungen.

Lösungswege um auszubrechen

Welche Lösungswege gibt es nun, um mit so wenig Schmerz wie möglich aus dem System auszubrechen? Paech nennt als Lösung die Suffizienz. Oft wird Suffizienz negativ konnotiert. Dabei bedeutet das Wort nichts anderes als Genügsamkeit. Wenn wir beispielsweise unser Smartphone doppelt so lange nutzen wie bisher, könnte die Produktion von Smartphones um 50% gedrosselt werden. Das gilt auch für Laptops, Fernseher, Küchengeräte usw. Natürlich gehen Geräte auch kaputt. Hierbei muss der geplanten Obsoleszenz gesetzlich ein Riegel vorgeschoben werden. Die Produkte, die tatsächlich kaputt werden, können durch Reparaturcafés und Reparaturdienstleister wieder in Stand gesetzt werden. Aber auch Menschen, die gewisse Fähigkeiten haben, können diese zur Verfügung stellen: So könnte eine Person ein Fahrrad reparieren und im Gegenzug von einer anderen einen Knopf angenäht bekommen. Ein weiterer Punkt zur Einschränkung der Produktion ist das Teilen von Dingen. Wenn drei Menschen sich eine Bohrmaschine, ein Waffeleisen oder einen Rasenmäher gegenseitig borgen – müssen 2/3 weniger dieser Geräte produziert und gekauft werden. Darüber hinaus sollten sich die Menschen zu einem gewissen Teil selbst versorgen, z.B. in der Nahrungsmittelerzeugung. Geteilte Gemüse- und Obstgärten, so wie es diese bereits in Städten wie Wien sind eine Option. Alle diese Ausführungen sind mögliche Optionen, die die Produktion senken. Soziale Synergien, die aus Zusammenarbeit, Zusammenhalt und Erfolgserlebnissen entstehen, sind ein positiver Nebeneffekt.

Weniger Produktion – weniger Arbeit?

Natürlich wird nun das Argument eingeworfen, dass wenn weniger produziert wird, auch Arbeitsplätze freigesetzt werden. Niko Paech antwortet darauf, dass wenn wir weniger produzieren und kaufen müssen, wir auch weniger Geld verdienen müssen und deshalb weniger zu arbeiten brauchen. Eine 20 Stunden Woche könnte ausreichen, um genug Geld zu verdienen um die Sachen, die noch immer produziert werden, zu kaufen. Die freigestellten 20 Stunden können beispielsweise für die oben angeführten Lösungen wie Reparaturen oder Nachbarschaftshilfe aufgewendet werden.

Je früher wir beginnen, aus dem Kreislauf des neoliberalen Kapitalismus auszusteigen, desto leichter wird es für uns sein. Gehen wir weiterhin so unverantwortlich mit unseren Ressourcen um, leben wir weiterhin in der Verblendung, dass es ewig so weitergeht, werden wir und unsere Nachkommen eines Tages auf unsere eigene Dummheit zurückblicken.

 

Was hältst du von der Postwachstumsökonomie? Ist es ein Konzept für die Zukunft? Fühl dich frei deine Meinung in den Kommentaren zu posten.

Bildquelle

Kasse im Handel / Ⓒ 2016 Patrick Daxenbichler

Quellen

Die Informationen aus diesem Artikel stammen nicht aus einschlägiger Fachliteratur und wurden deshalb auch nicht dementsprechend zitiert. Als Grundlage dienten diverse Vorträge von Produktionsökonom Niko Paech und Soziologe Hartmut Rosa.

Niko Paech, Umweltökonom. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=-NXy7bqSzVU&t=630s (21.01.2017)

Prof. Niko Paech: Wachstum? Nein, danke! | SWR1 Leute. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=1OtmI07aW2M (21.01.2017)

Niko Paech: Postwachstumsökonomie in 20 Minuten | Werkstatt Zukunft. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=jv7EgsjT3f0 (21.01.2017)

Das philosophische Radio mit Hartmut Rosa — Entschleunigend? – Resonanz (2016). Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=jAPwIYFaORg&list=PLALb7zFULRzGpnOhj6BVjPSGVF9KYMMJl&index=9 (21.01.2017)

 

Patrick Daxenbichler

Autor: Patrick Daxenbichler

Medienkritischer Blogger, u.a. bei TheOpinion. Student der Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg. Selbstständiger Unternehmer. Fan und Unterstützer der neuen Medien. Politisch liberal und aufgeschlossen.

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