USA – Alles zwischen Gut und Schlecht

usa-flagge

»Die Amerikaner sollten aufhören, Lügen über Europa zu verbreiten, dann werden wir aufhören, die Wahrheit über Amerika zu sagen.«

Dieses Zitat von einem unbekannten Autor ging kürzlich auf die ein oder andere Weise mehrfach durch die Medien. Auslöser für die Empörung war natürlich mal wieder Donald Trump, der Deutschland als das Bilderbuchbeispiel dafür entlarven wollte, wie Migration ein Land zerstört: »Wegen der Flüchtlinge versinkt Deutschland in Kriminalität. Die Kriminalität hat inzwischen ein Level erreicht, das sich niemand auch nur ansatzweise vorstellen konnte. Es ist eine Katastrophe.« Kurzer Faktencheck. Die Mordrate ging seit den Entwicklungen 2015 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 3 Prozent nach unten (in den USA stieg sie um rund 6 Prozent an), die sexuelle Gewalt nahm um 4 Prozent ab (in den USA stieg sie um mehr als 9 Prozent an), ausschließlich die Diebstahlrate nahm um 2 Prozent zu (in den USA um 0,3 Prozent). Mit Schusswaffendelikten und Massenschießereien brauchen wir gar nicht anfangen.

Nichts liegt mir ferner, als ein USA-Bashing zu eröffnen, denn genau das ist, was ich an den USA so faszinierend finde. Kein Land ist widersprüchlicher und verwirrender als die Vereinigten Staaten. In allem, was sie sind und machen, vereinen sie das Beste und das Schlechteste. Fortschrittlich und rückständig. Friedfertig und feindselig. Innovativ und altmodisch. Mitfühlend und herzlos. Ein Land voller Extreme und das in allen politischen und unpolitischen Bereichen. Stichwörter können dabei die Legalisierung von Marihuana (in einigen Teilen des Landes ist Cannabis inzwischen legal) und die bürgerkriegsähnlichen Zustände zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei unter einem schwarzen Präsidenten sein. Für mich lässt sich dieses Extrem derzeit am besten an dem Wahlkampf feststellen, der sogar in Deutschland relevanter zu sein scheint als unsere eigene Innenpolitik. Denn neben dem sogenannten »Islamischen Staat« und der Flüchtlingsdebatte zieht sich eigentlich nur ein Thema wie ein roter Faden durch alle Medien: Der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten.

Bei den Republikanern entwickelte sich alles so, wie es sich entwickeln musste (auch wenn wir vermutlich alle Gegenteiliges erhofft hatten). Der großkotzige Inbegriff von Erfolg stellt sich vor die Kameras und verkündet in der klassischen John-Wayne-Manier, dass alles, was er in seinem Leben anfasst, zu Gold wird und spricht damit den Goldrausch seines Landes an: »Führe unser Land durch die gegnerischen Reihen und mach uns reich. Genauso, wie du es mit deinen Firmen gemacht hast.« Seine Firmen haben übrigens 650 Millionen Dollar Schulden, seine Fluggesellschaft (Trump Shuttle) existiert nicht mehr, die Produktion seines Trump Vodka wurde eingestellt, ebenso wie sein Trump Magazine. Obwohl John Oliver das alles schon Ende Februar offenlegte, glauben immer noch viele an Trumps heilige Hände.

Gleichzeitig faszinieren mich die Entwicklungen bei den Republikanern wie kaum etwas anderes. Seit dem 8. August steht fest, dass die republikanische Partei einen weiteren, unabhängigen Kandidaten ins Rennen schicken will. Eine Alternative zu Donald Trump. Doch wer jetzt glauben sollte, dass der zusätzliche Kandidat Evan McMullin die Chance erhöht, dass letztlich die Republikaner den amerikanischen Präsidenten stellen, irrt sich. McMullin weiß, dass ihm sowohl die finanziellen Mittel als auch die mediale Präsenz fehlen, um Trump im letzten Moment vom Thron zu stoßen. Was er und seine Anhänger bezwecken wollen, ist eine Spaltung der Wähler. Ja du hast verstanden. Mit dem Ex-CIA-Offizier wird versucht zu verhindern, dass Trump zum Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird, selbst wenn das bedeuten soll, dass Hillary Clinton die Wahl gewinnt. Ist das nicht beeindruckend? Es gibt Republikaner, die wissen, dass es Wichtigeres gibt als Wahlen zu gewinnen. Es geht darum, dem Land so gut es geht zu dienen, selbst wenn das bedeutet, die Wahl als Partei zu verlieren.

Ebenso überraschend wie erfreulich waren Teile des Wahlkampfes auf der anderen Seite. Nein, nicht der Sieg von Hillary Clinton, sondern der Erfolg ihres Konkurrenten Bernie Sanders. Sanders fiel mir schon lange vor den Vorwahlen auf und ich gab ihm, mit seinem liberalen Wesen, eine Chance, die ungefähr so hoch war, wie die, dass Island Europameister wird. Was passierte war … Huh! Denn was ist neben einem kleinen Vogel, der wie in einem Walt Disney Film auf dem Rednerpult eines alten Mannes landet, das Unwahrscheinlichste, was passieren kann? Richtig, ein selbsternannter Sozialist, der in dem Land abräumt, in dem die Angst vor Kommunismus nie merklich nachgelassen hat. Sanders kam sogar ins Halbfinale und gab auch, nachdem er bereits verloren hatte, nicht auf. Die Menschen hörten ihm weiter zu, sie bejubelten ihn und machten ihn zu einem Symbol der Nächstenliebe und der Vernunft. Was natürlich von vielen als naiv und dumm abgewunken wird. Denn was gibt es denn bitte Naiveres als Nächstenliebe.

Doch auch auf Seite der Demokraten gab es durchaus negative Entwicklungen im Laufe der Wahlen und die Königin dieser Entwicklungen tritt heute als Präsidentschaftskandidatin an. Clinton hat sich im Laufe der Zeit für viele gute Dinge eingesetzt und ist eine starke, zielstrebige Frau. Möglicherweise etwas zu zielstrebig. Meiner Meinung nach sollte sie es auf alle Fälle zukünftig unterlassen, den Tod eines Menschen mit den Worten »Wir kamen, wir sahen, er starb« zu kommentieren. Auch wenn es sich bei diesem Menschen um einen Diktator und Unterdrücker handelte, zeigt es das, was viele an den USA kritisieren. Und das ist mittlerweile nahezu die gesamte Außenpolitik der USA, an deren Spitze von 2009 bis 2013 Clinton stand. Als neue Außenministerin wird übrigens, wenn Clinton die Wahl gewinnen sollte, Victoria Nuland gehandelt. Eine Politikerin, die sich als Obamas wichtigste Europaberaterin mit dem Spruch »Fuck the EU« auch hierzulande einen Namen machte. Klingt nach einer spannenden Außenpolitik, die uns bevorsteht.

Es wachsen Angst und Spannung, wenn man an die Entscheidung denkt, die am 8. November 2016 gefällt wird. Es sind nur noch zwei große Kandidaten um den Präsidentschaftsposten im Spiel und für Viele heißt die Wahl Schlecht gegen Übel. Doch egal wer es wird, man darf eins nicht vergessen: So wie der US-Senat Obamas mutigen und notwendigen Ideen zur Reformierung der Waffengesetze Einhalt gebieten kann, ist er auch in der Lage, fragwürdige oder sogar aberwitzige Ideen eines Donald Trump zu verhindern. Nichtsdestotrotz verängstigt mich der Gedanke daran, wie Trump vor dem roten Knopf sitzt und seine Haarpracht streichelt. Denn mit rund 7000 nuklearen Sprengköpfen kann er die Menschheit nicht nur einmal auslöschen – obwohl einmal reichen würde. Aber das Volk, das es in der Hand hat, einen egozentrischen Rassisten so weit kommen zu lassen, hat in der Vergangenheit so oft bewiesen, dass es mehr kann, als Chaos zu stiften. Und ja möglicherweise bin ich naiv. Aber irgendetwas in mir glaubt auch heute noch an das Gute und die Vernunft.

Und falls es wirklich zum nuklearen Armageddon kommen sollte, können wir bis dahin immerhin Coca Cola trinken, Burger essen und währenddessen wahlweise einen Walt Disney Film oder einen absurden wie interessanten Wahlkampf verfolgen.

Konstantin Schätz

Autor: Konstantin Schätz

Freier Journalist (u.a. für die Süddeutsche Zeitung) und Student der Kommunikationswissenschaft. Er setzt sich mit Ereignissen und Prozessen in Politik und Gesellschaft auseinander.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.