Schlammschlacht oder Schlammkur – »Bist du meine Stimme wert?«

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Als ich kürzlich einen vernichtenden Artikel von Zeit Online über eine neue Unterhaltungssendung namens »Bist du 50.000,- wert?« las, dachte ich mir erstmal nichts weiter. Zunehmend fiel mir auf, dass diese Show des Spartensenders ZDFneo unheimlich viele Analogien zum bereits angebrochenen Wahlkampf in Deutschland aufweist. Denn in der Sendung, die Zeit Online Autor Dirk Gieselmann als »Arschloch« bezeichnet, haben die Kandidaten durch eine zehnsekündige Selbstbeschreibung die Möglichkeit, der Jury zu beweisen, dass sie es wert sind, das Preisgeld von 50.000 Euro zu gewinnen. Kurzum ein Wahlkampf mit kürzerer Vorstellungszeit und anderem Preisgeld.

Dass dieser Vergleich nicht ganz an den Haaren herbeigezogen ist, bewies Martin Schulz im Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Denn auf die Frage des Journalisten, was der sozialdemokratische Kanzlerkandidat besser könne als Angela Merkel, antwortete er mit einem Satz, der bisher an Ehrlichkeit in diesem noch jungen Wahlkampf unübertroffen ist.

»Weiß ich nicht. Ich denke allein darüber nach, wie ich bei einer breiten Mehrheit Vertrauen für mich und meine Politik gewinnen kann.«

Auf den ersten Blick wirkt dieser Satz relativ unscheinbar. Fast schon banal. Je mehr man jedoch darüber nachdenkt, trifft dieser Satz den Nagel auf den Kopf, wenn es um den Wettstreit der Parteien um die Gunst der Wählerstimmen geht. Es geht nicht mehr darum, die Werte der Parteien am besten zu verkaufen, sondern es ist ein Wettrennen, wer am schnellsten und glaubwürdigsten auf die Bedürfnisse der Wähler eingehen kann. Denn seien wir einmal kurz ehrlich, ist die SPD noch so viel sozialdemokratischer als die CDU? Wer oder was sind eigentlich die Grünen und die FDP? Und sollte sich die CSU nicht langsam nach einer anderen Schwesterpartei in Deutschland umschauen? Wenn die Konflikte in der AfD so weiter gehen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass eine junge aufstrebende Politikerin bald parteisuchend ist. Falls sie eine neue Partei gründen sollte, wäre das doch die Gelegenheit für eine Alternative zur CDU oder?

Auf den ersten Blick ist das natürlich ein Beweis für die Unglaubwürdigkeit der Politik – oder besser, der Politiker und macht wenig Lust auf die anstehende Schlammschlacht. Denn Merkel, Schulz (davor Gabriel), Lindner, Petry, Wagenknecht, Özdemir etc. hissen alle ihre Parteiflaggen und warten auf die richtige Brise. Natürlich versuchen sich diese Fähnchen im Wind ein stückweit nach dem zu richten, was früher als der Grundgedanke der Partei galt. Merkel fürchtet sich davor, dass der Geist Konrad Adenauers sie heimsuchen könnte, Schulz hat anscheinend nicht mitbekommen, dass Schröder noch lebt, als er seine umstrittene Agenda 2010 angriff und Seehofer … naja vermutlich wäre der ehemalige CSU Hardliner Franz Josef Strauß ziemlich stolz auf den Mann, der gerade die Union entzweit.

Tatsächlich ist der anstehende Wahlkampf eine Kur für die Parteien und die politische Situation in diesem Land und im Gegensatz zu der Show von ZDFneo mehr als nur stumpfe Unterhaltung. Wieso das der Fall ist, wird in den kommenden Wochen in einer Serie von Artikeln erklärt.

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Ⓒ Markus Daxenbichler

Quellen:

Brinkbäumer, Klaus/Feldenkirchen, Markus/Horand, Knaup (2017): „Ich bin kein Populist“. In: Der Spiegel vom 04.02.2017, S. 28-33.

Gieselmann, Dirk (2017): Diese Sendung ist ein Arschloch. Online unter http://www.zeit.de/kultur/film/2017-02/bist-du-50000-euro-wert-zdfneo-sendung-bewerbungsgespraech-selbstdarstellung (27.02.2017).

Prantl, Heribert (2017): Schulz hackt die Agenda 2010 entzwei. Online unter http://www.sueddeutsche.de/politik/spd-kanzlerkandiat-schulz-hackt-die-agenda-entzwei-1.3387160 (27.02.2017).

Weiland, Severin (2017): Petry-Lager stoppt Mail an Basis. Online unter http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-streit-um-gauland-rundmail-an-afd-mitglieder-a-1135649.html (27.02.2017).

 

Konstantin Schätz

Autor: Konstantin Schätz

Freier Journalist, kritischer Blogger und Student der Kommunikationswissenschaft. Thematisiert vor allem Ereignisse und Prozesse aus den Ressorts Politik und Gesellschaft.

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