»Ich warte dann mal ab«, sagte die Raute und fuhr in den Urlaub

Raute

Gong
Der Kampf beginnt. Das ganze Land hat auf diesen Moment gewartet. Es sollte der spannendste Boxkampf des Jahres werden. Erst die Rechte, dann die Linke. Die roten Boxhandschuhe eines Mannes mit Halbglatze und Brille fliegen durch die Luft und treffen – ihn selbst. Kein Wunder, denn außer ihm ist niemand da. Niemanden, den er treffen könnte. Was für viele begeisterte Boxfans gähnende Langeweile und für andere eine peinliche Vorstellung bedeutet, ist der deutsche Wahlkampf in seiner vollen Pracht. Denn während Martin Schulz den Wahlkampf bereits begonnen hat und dabei überwiegend auf die Nase fällt, macht Merkel erst einmal Urlaub und lässt das Land hinter sich zurück.

Juli 2017: Erdogan will sich dem Auftrittsverbot der Bundesregierung widersetzen und führt währenddessen sein Land immer weiter in eine Diktatur. Deutschland entsetzt. Gabriel zeigt harte Kante. Merkel hält sich erst mal zurück.

August 2017: Die Krim-Debatte flammt wieder auf. Jeder weiß, was FDP-Politiker Lindner denkt. Politiker beziehen Stellung. Von Merkel keine Spur.

August 2017: Elke Twesten stürzt durch ihren plötzlichen Wechsel von Bündnis90/DIE GRÜNEN zur CDU die niedersächsische Landesregierung. Schulz empört. SPD-Ministerpräsident Stephan Weil am Boden. Merkel nimmt es stillschweigend hin.

August 2017: CDU und SPD schlagen sich wegen der Nähe zum Autohersteller VW gegenseitig die Köpfe ein. Landesregierung in Aufruhr. Kanzlerin spurlos verschwunden.

August 2017: Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un droht mit einem Atomschlag gegen die USA. Trump droht mit »Feuer und Zorn, wie es die Welt noch nie gesehen hat«*. Die Welt zittert. Alle Regierungen geben ein Statement ab. Auch Deutschland bezieht Stellung. Schulz ruft zur verbalen Abrüstung auf. Gabriel kritisiert den aggressiven Ton des Präsidenten. Die Bundeskanzlerin schweigt vorerst und wiederholt erst nach Tagen das bereits Gesagte.

Dass Angela Merkel einen – nennen wir es mal – »passiven« und abwartenden Regierungsstil pflegt, dürfte mittlerweile jedem bekannt sein. Viele kritisieren das. Denn oft kommt die Reaktion viel zu spät oder eben gar nicht. Das aber eben genau diese Eigenschaft das Erfolgsrezept für den andauernden Wahlerfolg darstellt, ahnen viele immer erst, wenn es auf die Wahlen zugeht.

Ein Rückblick. Wahlkampf 2013. Peer Steinbrück verliert gegen Angela Merkel. Doch wer sich zurückerinnert, stellt fest, dass der Erfolg der Union sich nicht auf die fantastische Figur von Merkel zurückführen lässt. Vielmehr hatte sie ihren Wahlsieg der schlechten Figur ihres Herausforderers zu verdanken. Die Parallelen zu Schulz sind bemerkenswert. Denn trotz fliegendem Start schafft es Schulz nicht, sich gegen den Wahlkampf der Kanzlerin durchzusetzen. Beeindruckend nicht wahr? Denn Merkel führt gar keinen Wahlkampf.

Immer wieder spreche ich mit Freunden und Bekannten über die anstehende Bundestagswahl und der Tenor scheint eindeutig. »Schulz geht gar nicht« oder »der hat mich eigentlich ziemlich enttäuscht« oder »wenn ich damit nicht den Horst unterstützen würde, würde ich Merkel wählen. Ist auf alle Fälle die deutlich bessere Wahl«. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Auch ich muss zugeben, dass mich Schulz bisher nicht wirklich überzeugen konnte. Sein Enthusiasmus riss mich anfangs mit. Seine Energie empfand ich erfrischend. Seine Lobeshymnen auf Europa ließen mein Herz höher schlagen. Doch inhaltlich konnte er mich bislang nicht beeindrucken.

Eines muss aber gesagt werden: Unabhängig davon, wem man am 24. September seine Stimme geben wird, Schulz war in den vergangenen Wochen ein meilenweit besserer Bundeskanzler als Angela Merkel. Denn er gibt Deutschland derzeit ein Gesicht und vertritt das Land auf der Weltbühne. Natürlich alles nur Wahlkampf! Klar. Wenn er verliert – und danach sieht es derzeit aus – wird man kein Wort mehr von ihm hören. Wie gut er Deutschland vertreten würde, wenn er es doch noch irgendwie schaffen sollte, die ewige Kanzlerin zu stürzen, ist natürlich auch nochmal eine andere Frage.

Merkel aber lässt das Land derzeit im Stich. Wahlkampf scheint ihr wichtiger zu sein, als ein Land zu führen. Und mit Wahlkampf meine ich Urlaub. Natürlich gönne ich ihr mal eine Pause. Keine Frage. Aber ist der Zeitpunkt richtig gewählt? Kurz vor der Bundestagswahl? Zu einem Zeitpunkt, wo sich Trump und Clinton oder Macron und Le Pen oder Van der Bellen und Hofer gerade in der heißesten Phase befanden? Sogar der NRW-Landtagswahlkampf hatte mehr Aufmerksamkeit als der Bundestagswahlkampf und der CDU-Kandidat Armin Laschet hatte definitiv ein deutlicheres Parteiprogramm als die Kanzlerin.

Aber lassen wir den Wahlkampf mal beiseite. Wäre es nicht richtig gewesen, sich auch aus dem Urlaub zu dem ein oder anderen Thema zu äußern… und zwar rechtzeitig? Sogar Trump schafft es, seine Politik des Wahnsinns nicht abreißen zu lassen, während er auf dem Golfplatz ist. Sigmar Gabriel brach sogar wegen der Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland seinen Urlaub komplett ab. Natürlich erwarte ich das nicht von ihr. Aber eine Reaktion zu der ein oder anderen Angelegenheit wäre angebracht gewesen und auch wenn es nur auf der Rückseite einer Postkarte gestanden hätte:

»Liebe Untertanen,
grüßt eure Ahnen. 
Macht euch keine Sorgen.
Tschüss dann bis übermorgen.
P.S. Kim und Donald reißt euch mal zusammen. Es spielen schließlich auch noch andere Kinder in diesem Sandkasten.

Grüße aus Südtirol,
Eure Angie.«

Zugegebenermaßen: Den Weg für die Homo-Ehe zu bereiten und dann in der Entscheidung mit »Nein« zu stimmen, war ein cleverer Schachzug. Den Sozialdemokraten wurde der Wind aus den Segeln genommen. Die linksliberalen Befürworter feierten die Abstimmung, die Konservativen gaben sich mit dem abgegebenen »Nein« zufrieden. Das war aber das letzte Mal, dass man etwas von ihr gehört hat. Seitdem gilt bei Merkel: »Lieber gar nichts sagen als etwas Falsches.«

Dass man niemanden wählen will, der sich ständig selber boxt und inhaltlich nicht richtig überzeugen kann, ist nachvollziehbar. Die Lobeshymnen auf Merkel kann man sich in der Diskussion um den nächsten Bundeskanzler allerdings auch sparen. Denn ob Angela Merkel inhaltlich besser dasteht als ihr sozialdemokratischer Herausforderer, wird sich erst entscheiden, wenn der Kampf bereits vorbei ist.

GONG

*Interessant an der Wortwahl von Donald Trump, Nordkorea würde mit »Feuer und Wut bekämpft, wie die Welt es noch nie gesehen hat«, ist, dass es sehr stark an die Ansprache von dem ehemaligen US-amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman erinnert. Dieser hatte im August 1945, kurz nachdem die USA eine Atombombe über Hiroshima abgeworfen hatten und wenige Tage bevor sie eine zweite über Nagasaki abwarfen, mit einer ähnlichen Ansprache gedroht:
»Wenn Sie unsere Bedingungen nicht akzeptieren, dann können Sie einen Regen der Zerstörung aus der Luft erwarten, wie er noch nie auf der Erde gesehen wurde.«

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© Konstantin Schätz

Quellen: 

Buttler, Martina/Frank, Thomas (2017): Trump twittert Kriegsbereitschaft. Online unter http://www.br.de/nachrichten/trump-eskaliert-im-nordkorea-konflikt-weiter-100.html (13.08.2017).

Caspari, Lisa/Völlinger, Veronika/Lauter, Rita: Die Frau, die Niedersachsens Regierung stürzte. Online unter http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-08/elke-twesten-niedersachsen-cdu-wechsel (13.08.2017).

DPA-Newskanal (2017): Merkel kritisiert »Eskalation der Sprache« in Nordkorea-Krise. Online unter http://www.sueddeutsche.de/news/politik/konflikte-merkel-kritisiert-eskalation-der-sprache-in-nordkorea-krise-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-170811-99-609691 (13.08.2017).

Frankfurter Allgemeine Zeitung (2017): Gabriel kritisiert Trumps aggressiven Ton. Online unter http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/sigmar-gabriel-kritisiert-aggressivitaet-von-donald-trump-15144479.html (13.08.2017).

Güsten, Susanne (2017): Türkei empört über Auftrittsverbot für Erdogan. Online unter http://www.tagesspiegel.de/politik/deutsch-tuerkischer-streit-tuerkei-empoert-ueber-auftrittsverbot-fuer-erdogan/19996058.html (13.08.2017).

Handelsblatt (2017): »Regierung muss Trump zur Vernunft rufen.« Online unter http://www.handelsblatt.com/politik/international/martin-schulz-zu-nordkorea-krise-regierung-muss-trump-zur-vernunft-rufen/20174014.html (13.08.2017).

Pohl, Michael (2013): Kanzlerkandidat Steinbrück macht sich unbeliebt. Online unter http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Kanzlerkandidat-Steinbrueck-macht-sich-unbeliebt-id23426571.html (13.08.2017).

Spiegel Online (2017): Ukraine kritisiert Lindner für Krim-Vorstoß. Online unter http://www.spiegel.de/politik/deutschland/christian-lindner-ukraine-kritisiert-fdp-chef-fuer-krim-vorstoss-a-1161983.html (13.08.2017).

Süddeutsche Zeitung (2017): Gabriel bestellt türkischen Botschafter ein. Online unter http://www.sueddeutsche.de/politik/auswaertiges-amt-gabriel-bricht-wegen-spannungen-mit-tuerkei-urlaub-ab-1.3594557 (13.08.2017).

Zeit Online (2917): VW sprach sich offenbar auch mit Schwarz-Gelb ab. Online unter http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-08/volkswagen-niedersachsen-landesregierung-cdu-fdp-absprachen (13.08.2017).

 

 

Konstantin Schätz

Autor: Konstantin Schätz

Freier Journalist, kritischer Blogger und Student der Kommunikationswissenschaft. Thematisiert vor allem Ereignisse und Prozesse aus den Ressorts Politik und Gesellschaft.

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