»Es hat mich stolz gemacht, Brite zu sein«

©Aslam Husain

Am Samstag, den 23. März, sollen mehr als eine Millionen Menschen in London demonstriert haben. Sie fordern ein zweites Referendum. Der Fotograf und Schauspieler Aslam Husain hat den historischen Protestzug mit seiner Kamera festgehalten.

de/eng

Name: Aslam Husain
Alter: geboren 1986 in Victoria, British Columbia (Canada)
Ausbildung: Master in Theater an der Universität Essex
Wohnort: London
Website: aslamhusainphotography.com
Instagram: https://www.instagram.com/aslamphoto/

The Opinion: Vor drei Jahren habe ich dich für das SZ-Magazin interviewt, da hast du gesagt, dass du dich wie ein Ausländer im eigenen Land fühlst. Was ist von dem Gefühl geblieben?

Aslam Husain: Das Gefühl brodelt immer noch in mir. Nach dem Referendum hat es sich angefühlt, als würde die Mehrheit der Bevölkerung zu mir sagen, dass ich das Land verlassen solle.

Dein Vater kommt aus Pakistan, deine Mutter aus England. Aufgewachsen bist du in Kanada. Wie englisch fühlst du dich?

Ich bin mütterlicherseits Engländer und habe einen Großteil meiner Kindheit in diesem Land verbracht. Ich war immer stolz auf meine englische Seite. In den letzten drei Jahren musste ich aber immer wieder darüber nachdenken, was es für mich bedeutet, britisch zu sein. So ging es mir bis zu den Demonstrationen am 23. März. Da wurde mir vor Augen geführt, dass ich hierhergehöre. Toleranz und Vielfalt sind britische Werte. Es war die größte Menschenmasse, die ich je gesehen habe. Sie haben sich organisiert – völlig friedlich. Es hat mich stolz gemacht, Brite zu sein.

Wie hat sich denn das Land in den letzten drei Jahren verändert?

Meiner Empfindung nach hat der Rassismus zugenommen. Auf meinem Arbeitsweg, in meiner Arbeit und im Pub – ich höre mehr rassistische Debatten. Ich bin vor acht Jahren nach London gekommen. Damals dachte ich, dass die Stadt weniger rassistisch sei als meine Heimatstadt Vancouver. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Du hast bereits im Sommer 2016 Bilder von dem »March for Europe« gemacht. War die Stimmung unmittelbar nach dem Referendum anders?

Man hat dieses Mal weniger Wut spüren können. Der March for Europe war die unmittelbare Reaktion der Menschen auf die Ergebnisse des Referendums. Die Menschen waren wütend auf die Lügen von Politikern wie Nigel Farage, Boris Johnson und David Cameron. Man ist auf die Straße gegangen, um sich für die Rechte von Migranten stark zu machen. Dieses Mal war es etwas anderes. Die Leute sind erschöpft vom Brexit. Der Prozess dauert jetzt schon drei Jahre, es gibt keinen Fortschritt und keinen klaren Weg. Der Prozess ist absurd und die Menschen nehmen das mit ihrem britischen Humor zur Kenntnis.

Das klingt aber immer noch nach Wut.

Die einzige Wut, die man spüren konnte, bezog sich auf Theresa May und ihren verbockten Brexit-Deal.

 

Laut den Organisatoren der Demonstrationen war es einer der größten Proteste, die es in der Geschichte Großbritanniens gab. Dennoch lehnt Theresa May ein weiteres Referendum ab. Ist das nicht frustrierend?

Ja und nein. Ich bin mit Freunden zu den Demonstrationen gegangen – die haben übrigens immer sehr geduldig gewartet, wenn ich Bilder gemacht habe. Sie haben alle mit britischem Zynismus gesagt: »Dieser Protest ist ja schön und gut. Er wird aber nichts ändern.« Wir waren zynisch genug, um das zu erkennen. Dennoch waren wir da – zahlreich und aus dem ganzen Land. Die Geschichte kann uns das nicht aberkennen.

Es sind Leute extra für die Demonstration angereist?

Ja. Die Tante eines Freundes ist von Wells* angereist. Sie wollte extra ein Busunternehmen buchen, um eine Gruppe von Menschen nach London zu bringen. Aber alle Unternehmen waren ausgebucht. Sie war nicht die einzige, die diese Idee hatte. Online konnte sie sich einen der letzten Busplätze ergattern. Sie ist dann losgereist mit einem Rucksack voller Sandwiches und selbstgemachten Transparenten. Wenn das nicht britisch ist, dann weiß ich es auch nicht.

Dir ist es gelungen, die Stimmung bei dem Protest in deinen Bildern festzuhalten. Worauf konzentrierst du dich, wenn du fotografieren gehst?

Ich isoliere Leute oder kleine Gruppen in einer Masse. Für mich ist das einfach die interessanteste Perspektive. Das Persönliche in der Öffentlichkeit.

Hast du für deine Fotos schon ein Feedback bekommen?

Ja, habe ich. Die Menschen waren ergriffen von den Fotos der jüngeren Generation.

Diese Erfahrung hast du 2016 auch schon gemacht.

Ich glaube, die Kinder waren der Grund, weshalb der Protest so friedlich war. Es ist ihre Energie oder der Respekt vor ihrem Wohlergehen. Sie sind diejenigen, die am meisten vom Brexit betroffen sind. Es ist ihre Zukunft, die am seidenen Faden hängt.

Wenn Großbritannien die EU verlässt, wirst du dann deine Heimat verlassen?

Ich stelle mir diese Frage die ganze Zeit. Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich werde es so lange nicht wissen, solange es keinen Deal gibt. Ich hoffe immer noch auf ein Wunder und dass wir in der EU bleiben.

*Wells: Stadt im Südwesten Englands

 

Interview: Konstantin Schätz

Fotos: Aslam Husain

Anmerkung vom Autor:

»Den JournalistInnen wird immer häufiger vorgeworfen, sie würden das Interview verfälschen. Als JournalistIn versucht man, den Sinngehalt des Gesagten nicht zu verändern. Die Korrekturen dienen dazu, den Text leserlich zu machen. Auch ich habe das in diesem Interview getan. Ich habe Zwischenfragen eingeschoben, um Sinneseinheiten voneinander abzugrenzen. Ich habe Passagen zusammengeführt, damit man keine thematischen Dopplungen lesen muss. Ich habe gestellte Fragen weggelassen, die sich bei der Beantwortung als nicht relevant herausgestellt haben.«

Gerne bin ich bereit, das Originalinterview vorzulegen. Schreiben Sie mir dazu bitte eine Mail: k.schaetz@theopinion

 

Konstantin Schätz

Autor: Konstantin Schätz

Freier Journalist (u.a. für die Süddeutsche Zeitung) und Student der Kommunikationswissenschaft. Er setzt sich mit Ereignissen und Prozessen in Politik und Gesellschaft auseinander.

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