Bankengift und Finanzspritzen

©Patrick Daxenbichler

Es hat sich ausgebreitet wie ein Virus. Eine Krankheit. Ein Gift. Im Jahr 2008 wirkte es so, als hätte sich der Turbo-Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln in die Knie gezwungen. Nur staatliche Gelder konnten die großen Banken in Ländern wie den USA, Großbritannien und Deutschland vor dem Zusammenbruch bewahren.  Ein Rückblick.

Mittlerweile ist die sogenannte »Bankenkrise« zehn Jahre her und obwohl auch heute noch Länder unter den Auswirkungen leiden, scheint vieles bereits vergessen. Nur diejenigen, die den 200ten Geburtstag des Philosophen und Ökonomen Karl Marx feiern, heben mahnend den Zeigefinger und erklären: »Er hat’s euch ja gesagt.« Nun kann man ja von Marx – der für viele als Gründer des Kommunismus gilt – halten, was man will. Aber ganz unrecht haben die Marx-Verfechter hier nicht. Denn die Zeche, die durch die Gier der Banker entstanden ist, wurde mit Steuergeldern bezahlt.

Insgesamt 700 Milliarden US-Dollar musste die US-Regierung im Herbst 2008 ausgeben, um die Finanzbranche des Landes vor einem Kollaps zu bewahren. Auch in europäischen Ländern wie Deutschland (hier wurden 50 Milliarden Euro an Steuergeldern für die Bankenrettung in die Hand genommen) und Großbritannien musste der Staat den heimischen Banken finanziell zur Seite springen. Diese hatten sich über Jahre mit gebündelten Wertpapieren eingedeckt, die sich hinterher als finanzielle Belastung herausstellten.

Wie konnte das passieren?

Auslöser für die Finanzkrise war eine günstige Kreditvergabe – sogenannte Subprime-Kredite – der US-Notenbank Federal Reserve (FED). Diese hatte es Ende der 90er Jahre auch Geringverdienern ermöglicht, Kredite für Immobilien aufzunehmen. Sogar Personen, die kaum finanzielle Sicherheit vorzuweisen hatten, wurde der Kauf eines  Eigenheims ermöglicht. Wenn einzelne Personen nicht mehr in der Lage waren, Raten des Kredits zurückzubezahlen, fiel der Besitz der Bank zu. Durch die hohe Nachfrage von Immobilien stiegen die Marktpreise der Häuser.

In den darauffolgenden Jahren bündelten die Banken die Kreditpapiere zu sogenannten CDOs (Collateralized Debt Obligation). Kredit-Pakete, die kaum Einblick gewährten, was sich darin befindet. Diese Finanzpakete wurden anschließend von privaten Unternehmen, sogenannten Rating Agenturen, in ihrer Kreditwürdigkeit positiv bewertet und an andere Banken weiterverkauft. Die undurchsichtigen CDOs verteilten sich über Banken und andere Institutionen der westlichen Welt.

Währenddessen senkte die FED die Auflagen für die Kredite weiter. Immer mehr Leuten, die eigentlich nicht kreditwürdig waren, wurde der Kauf von Immobilien ermöglicht. Der Schein eines blühenden Immobilienmarktes sollte gewahrt werden, damit die Finanzpakete weiter verkauft werden konnten. Die Bewertung der Rating-Agenturen verschleierte dabei die wahre Natur der CDOs: Es war ein Gift, für alle, die sich damit eindeckten.

Metapher: Das verschimmelte Obst

Was kompliziert klingt, ist eigentlich relativ einfach: Stell dir eine Schale mit Obst vor. Manche Früchte darin sind frisch geerntet und genießbar. Diese Früchte wären dann funktionierende Kredite, die von Personen mit finanzieller Sicherheit abbezahlt werden. Doch einge Äpfel, Bananen und Orangen in der Schale sind völlig verschimmelt und absolut ungenießbar. Das sind die Kredite, die von den Gläubigern nicht mehr bezahlt werden können. Hier zahlen die Banken für die Häuser.

Da man ja nicht verschwenderisch sein will, nehmen die Banken ohne hinzusehen immer ein paar Früchte, werfen sie in den Mixer und füllen den Obstsaft in Gläser ab. Zu beurteilen, in welchen Gläsern das schlechte Obst verarbeitet wurde, ist absolut unmöglich. Kurz bevor die Gläser an die Gäste der Gartenparty verteilt werden, versichern die Ratingagenturen, dass in den Gläsern nur das beste und frischeste Obst verarbeitet wurde. Sie kleben quasi auf einen verschimmelten Obstsaft die Plakette »sehr gut«, obwohl sie wissen, dass einige Gläser die Partygäste vergiften werden.

Der Kollaps

Als eine zunehmende Anzahl von Kreditnehmern die Raten nicht mehr bezahlen konnte und der Besitz der Häuser an die Banken übertragen wurde, brachen die Immobilienpreise ein. Die Besitzer der CDOs fingen an, durch die gekauften Pakete Verluste zu generieren.

Kleine Institute brachen als erstes unter der Finanzlast ein. Den Höhepunkt erreichte die Finanzkrise, als auch die amerikanische Großbank Lehman Brothers im September 2008 zusammenbrach. Die Staaten entschieden sich dafür, die Banken mit Finanzspritzen zu unterstützen, da auch große Institutionen die Verluste nicht mehr durch Eigenkapital ausgleichen konnten. Die Regierungen waren gezwungen, die wertlosen Finanzpakete aufzukaufen, um die Banken vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Vor allem Institutionen wie die American International Group oder die deutsche Commerzbank waren auf die Finanzspritzen angewiesen. Medizin finanziert vom Steuerzahler.

»The Big Short«

Wen das Thema interessiert, dem kann ich den Film »The Big Short« ans Herz legen. Ein Hollywood-Film von Adam McKay mit den Star-Schauspielern Christian Bale, Ryan Gosling, Steve Carrell und Brad Pitt.

Bildquellen:
© Patrick Daxenbichler

Quellen:

Economics Online: The financial crisis. Online unter: http://www.economicsonline.co.uk/Global_economics/Financial_crisis.html (04.05.2018).

Frankfurter Allgemeine Zeitung (2015): Steuerzahler haben 50 Milliarden Euro verloren. Online unter: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/bankenrettungsbilanz-50-milliarden-euro-verlust-fuer-steuerzahler-13982985.html (04.05.2018).

Frankfurter Allgemeine Zeitung (2008): Grabstimmung im Finanzdistrikt. Online unter: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/zusammenbruch-von-lehman-brothers-grabesstimmung-im-finanzdistrikt-1693688.html (04.05.2018).

New York Times (2018): Happy Birthday, Karl Marx. You were Right! Online unter: https://www.nytimes.com/2018/04/30/opinion/karl-marx-at-200-influence.html (04.05.2018).

Konstantin Schätz

Autor: Konstantin Schätz

Freier Journalist (unter anderem für die Süddeutsche Zeitung), kritischer Blogger und Student der Kommunikationswissenschaft. Thematisiert vor allem Ereignisse und Prozesse aus den Ressorts Politik und Gesellschaft.

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